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Forscher

 

 Interview mit Dr. Lebrecht von Klitzing 

  

Im unsichtbaren Nebel 

Wie viel Elektrosmog verträgt der Mensch? 

11 000 Bürgerinitiativen haben sich bundesweit bereits zusammengeschlossen, um sich gegen die rasant ausbreitenden Mobilfunkanlagen in Deutschland zu wehren. Bereits jetzt hat der Tag in Deutschland weit über 100 Millionen Handy-Gesprächsminuten. Doch wie groß sind die Gefahren wirklich? 

Dr. Günter Baumgart sprach für BIO mit dem Medizinphysiker Dr. von Klitzing 

Es liegt ein gespenstischer Nebel in der Luft. Niemand kann ihn sehen oder riechen, aber er wird in rasantem Tempo dichter, und es könnte sein, dass er uns eines Tages völlig „den Atem nimmt“: Elektrosmog. Industrien, Haushalte, Kommunikationsnetze - ohne Elektrizität ist unser modernes Leben un-denkbar geworden. Wir leben in einem Mix ihrer Felder. 

Überall schießen Sendeanlagen aus dem Boden, bepflanzt man Dächer mit Mobilfunkstationen. 50 000 gibt es bereits in unserem Land. In den nächsten 10 Jahren werden es nahezu 100 000 sein. Ein elektromagnetisches Trommelfeuer, das die einen als harmlos abtun, vor dem andere aber eindringlich warnen. Gefahr oder Hysterie? Hier das Gespräch mit dem Experten.

  

BIO

Herr Dr. von Klitzing, können wir uns all diesem Elektro-Stress noch entziehen?

Dr. von Klitzing: 

Wohl kaum, vor allem im Hinblick auf den Mobilfunk nicht. Hier sind wir nahezu alle zu unfreiwilligen Versuchspersonen eines flächendeckenden Feldversuches geworden.

  

BIO

Gab es denn vor Einführung des Mobilfunks nicht hinreichend absichernde Forschungen?

Dr. von Klitzing: 

Eben nicht, darin besteht ja der Skandal. Und der setzt sich beim superschnellen UMTS (Universal Mobile Telecommunication System) jetzt fort. Die Industrie hatte versprochen, noch vor der Lizenzversteigerung Grundlagenforschungen zur biologischen Verträglichkeit zu betreiben. Dies wäre verantwortungsbewusst gewesen. Es ist aber nichts passiert.

In der Pharmaindustrie muss jedes Medikament, bevor es auf den Markt kommt, viele Stufen der Testung durchlaufen. Das dauert Jahre. Bei den Handys glaubte man, darauf verzichten zu können. Die Nutzer durften sofort ins „kalte Wasser“ möglicher Schädigungen springen. 

 

BIO

Das Informationszentrum Mobilfunk, IZMF, aber beruhigt besorgte Anrufer: Nach dem „derzeitigen Stand der Wissenschaft“ gehe weder von den Sendeanlagen noch von den Handys eine Gefahr aus ...  

Dr. von Klitzing: 

Diese Behauptung stimmt einfach nicht. Ich meine sogar, sie ist wissentlich falsch. Zum einen gibt es zu biologischen Wirkungen von Mobilfunk keine Langzeitstudien. Die kann es bisher gar nicht geben. Zum anderen ignoriert oder verschweigt man kurzerhand jene wissenschaftlichen Daten, die biologische Effekte von Mobilfunkwellen auch unterhalb der heutigen Grenzwerte schon bei Kurzzeitexpositionen im Minutenbereich nachweisen.

Das geschieht selbst auf EU-Ebene, wo man schon vor zwei Jahren Erkenntnisse einer schwedischen Forschergruppe unter den Tisch fallen ließ, die besagen, dass selbst kurzzeitige Handy-Emissionen die Durchlässigkeit der Blut-Hirnschranke erhöhen, was ein recht problematischer Effekt ist. 

 

BIO

Laut IZMF gibt aber die Mehrzahl aller diesbezüglichen wissenschaftlichen Untersuchungen Entwarnung. Worauf stützt man sich denn da? 

Dr. von Klitzing: 

Im Wesentlichen auf Studien, die von der Industrie gesponsert werden. Interessen nehmen aber von jeher Einfluss auf die Forschungskonzepte und damit auch auf die Ergebnisse. Außerdem haben diese Untersuchungen, auf die man sich beruft, eine generelle Schwäche: Ihre Objekte sind Zellen oder Zellverbände, nicht aber vollständige Organismen. 

Wir Menschen sind aber nun mal keine Zellhaufen, sondern hochkomplizierte Bio-Systeme. Unser körperinternes Kommunikationsnetz - angefangen von den Nachrichtenverbindungen zwischen Gehirn und Organen bis hin zu den intrazellulären Vorgängen - wird nicht nur durch die verhältnismäßig langsame Chemie, sondern vor allem durch superschnelle Kontakte mittels elektrischer Felder oder elektromagnetischer Wellen realisiert. Auf diese Verbindungslinien treffen nun - sehr oft sogar permanent - die unterschiedlichsten technischen Störfelder. 

 

BIO

Man liest zuweilen, das innere Kommunikationssystem unseres Körpers sei erstaunlich stabil. 

Dr. von Klitzing: 

Vielleicht ist es das auf Grund der Kohärenzeigenschaften seiner elektromagnetischen Wellen. Vielleicht ist es das aber auch nicht! Obwohl wir das keineswegs erforscht haben, muten wir diesem System über Gebühr viel zu. 

Da bei magnetischen 50-Hertz-Feldern von mehr als 1 Mikrotesla bekanntlich Bildschirme zu „tanzen“ beginnen, hat man eben an dieser Marke die Grenze für elektromagnetische Störquellen in Büroräumen gezogen. Beim Menschen aber wird amtlich ein 100facher Grenzwert für verträglich gehalten. 

Nichts Neues ist auch, dass in Intensivstationen von Kliniken und in Flugzeugen während Start und Landung Handys ausgeschaltet werden müssen, weil die Elektronik aus dem Tritt gebracht werden könnte. Unsere biologischen Informationsstrecken aber, die weitaus sensibler sind als jede moderne Technik, sollen gegenüber Fremdsignalen störfest sein?! 

 

BIO

Immerhin ist in Versuchen mit Zellkulturen festgestellt worden, dass die Energie unserer handelsüblichen Mobiltelefone bei weitem nicht ausreicht, um beispielsweise die DNA, in der die Erbinformation gespeichert ist, zu zertrümmern. 

Dr. von Klitzing: 

Ja, das stimmt. Es besagt aber nicht viel. Solche Versuche sehen lediglich die gleichsam mechanische Einwirkung auf die Chromosomen, nicht aber die Beeinträchtigung anderer biologischer Prozesse. Zum Beispiel jene der Neusynthese des genetischen Materials, der gesamten Zellteilung, der Reparaturverläufe und der Stoffwechselvorgänge in den Zellen. 

Ähnlich liegen die Dinge bei der Beurteilung des thermischen Effekts. Alles dreht sich nur um die Wärmewirkung des Energieeintrags der Funkstrahlung. Die ist aber recht gering und darum wirklich unproblematisch. Die biologischen Effekte jedoch bleiben im Dunkel. Das halte ich für sehr gefährlich. 

Es gibt eben bis dato kein plausibles Wirkungsmodell für elektromagnetische Einflüsse auf Biosysteme. Und Versuche mit Bakterien oder Viren bringen uns diesem Modell kaum näher. 

 

BIO

Lässt sich eigentlich – wie oft behauptet - ein direkter Kausalzusammenhang zwischen Krebs und Elektrosmog nachweisen? 

Dr. von Klitzing: 

Nein, zumindest noch nicht in jedem Einzelfall. Allerdings bekommen wir aus dem Umfeld von Mobilfunkstationen immer öfter eine höhere Krebshäufigkeit signalisiert. 

 

BIO

Müssten angesichts der starken Verbreitung des Mobilfunks und der technischen Felder nicht allgemein viel mehr Krankheitsfälle aufgetreten sein? 

Dr. von Klitzing: 

Das ist tatsächlich der Fall! Wir haben eine Fülle von Material gesammelt. Die Zunahme von „Erkrankungen unklarer Genese“, die sehr wahrscheinlich mit Feldimmissionen zusammenhängen, weil sie nach der Inbetriebnahme von GSM-Stationen auftraten, ist nicht mehr zu übersehen. 

Es wird immer häufiger über Schlaflosigkeit geklagt, über Kopfschmerzen, Ohrensausen, Herzrhythmusstörungen und Konzentrationsstörungen bis hin zu Aggressionen - vor allem bei Kindern. 

Oft hat sich das Blutbild verändert. Nicht ausgereifte Erythrozyten (rote Blutkörperchen) verursachen eine mangelnde Sauerstoffversorgung der Gewebe. Das alles ist meiner Ansicht nach aber erst die Spitze des Eisbergs, weil in den meisten Fällen das biologische System erst nach einer längeren Einwirkungszeit aus den Angeln gehoben wird. 

Der Ausbruch eines Defekts kann Jahre dauern und hängt zusätzlich noch von der individuellen Konstitution, den Vorschädigungen und der Summe anderer Umweltbelastungen ab. 

 

> Gefahren, die man nicht sehen will

 

BIO

Wie reagieren die Ärzte darauf? 

Dr. von Klitzing: 

Sehr unterschiedlich. Immer mehr verantwortungsbewusste Mediziner schlagen Alarm. Sie wenden sich zunehmend auch an uns und unterstützen unsere Arbeit mit fundierten Dokumentationen. 

In vielen Fällen aber ignoriert man die Vermutung von Patienten, dass ihre Beschwerden mit einer Mobilfunkstation zu tun haben könnten. Die Sorgen der Leute werden als Spinnerei betrachtet. Wenn keine klinischen Befunde vorliegen, gelten die Symptome als psychosomatisch bedingt und man verschreibt Schlaf- oder Beruhigungsmittel und andere Psychopharmaka. Ein Zusammenhang mit Mobilfunkstrahlung könne gar nicht existieren, da die gesetzlichen Grenzwerte ja überall und speziell am betreffenden Ort laut amtlicher Auskunft eingehalten werden. 

 

BIO

Ist das denn auch tatsächlich der Fall? 

Dr. von Klitzing: 

Gar keine Frage! Die Grenzwerte werden sogar fast immer unterschritten. Aber die Probleme liegen, wie ich schon andeutete, ganz woanders: Erstens sind diese Limite noch viel zu hoch. Dass es technisch auch anders geht, beweisen zum Beispiel die Schweiz und Italien, wo man nicht nur erheblich niedrigere Grenzwerte hat, sondern auch die Sicherheitsabstände zwischen Sendeanlagen und Wohngebieten wesentlich größer sein müssen. 

Zweitens geht bei den gepulsten Feldern des GSM-Standards (D-Netz und E-Netz) teilweise das Puls-Pausen-Verhältnis in die Kalkulation ein. Berechnungsgröße ist folglich ein gemittelter Wert. Und drittens reagiert der Mensch - wie aus der Baubiologie bekannt wurde - bereits weit unterhalb der Grenzwerte. Oft sogar schon bei weniger als einem Zehntausendstel der Grenzwerte - und das meist nach relativ kurzer Dauer. 

 

BIO

Können Sie das empirisch beweisen? Die „Entwarner“ ziehen solche Aussagen ja sehr in Zweifel. 

Dr. von Klitzing: 

Wir haben hier in Lübeck elektrosensible Versuchspersonen in unserer Absorberhalle darauf hin getestet. In die abgeschirmte Kabine, in der sie sich aufhielten, wurden bestimmte elektromagnetische Felder kontrolliert eingebracht.

Dann sind die Veränderungen im EEG, also im Ablauf der Hirnstromänderungen, im EKG, das heißt in der Variabilität der Herzfrequenz, sowie in der Regulation der peripheren Durchblutung abgelesen worden. Es zeigten sich fast immer negative Reaktionen. 

 

BIO

Gibt es über diese Ergebnisse Gespräche mit Ihren Fachkollegen und den Mobilfunkbetreibern? 

Dr. von Klitzing: 

Leider so gut wie gar nicht. Ich lade immer wieder kompetente Leute ein: Kommt her, schaut euch unsere Arbeiten an! Aber nein - man zieht es vor, sich vor unangenehmer Erkenntnis zu schützen. Von allen deutschen Betreibern hat sich einzig und allein die Telekom bei uns sachkundig gemacht. 

Andererseits ist es auch schwer, von unserer Seite aus in der Fachpresse eine entsprechende Veröffentlichung unterzukriegen, die nicht in das allgemein funkfreundliche Schema passt. 

 

BIO

Was könnte ganz praktisch getan werden, um in der leidigen Beweisfrage ein Stück voran zu kommen? 

Dr. von Klitzing: 

Sicherlich ist der statistische Nachweis der schädlichen Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung nicht leicht zu erbringen. Die Menschen reagieren ja nicht alle gleich. Dies auch, weil sie eine individuelle Geschichte und Gegenwart der Belastungen durch Umweltgifte und andere Einwirkungen aufweisen. 

Dennoch habe ich zum Beispiel dem Bundesamt für Strahlenschutz vorgeschlagen, die in ausreichender Menge vorhandenen Daten über Betroffene, die in der Nähe von Mobilfunk-Sendeanlagen wohnen und wegen Beschwerden unklarer Genese in ärztlicher Behandlung sind, zusammenzustellen. Man sollte vor Ort entsprechende Feldmessungen machen und das gesamte Material auf signifikante Korrelationen hin überprüfen. Daraus könnte man Rückschlüsse auf ursächliche Zusammenhänge ziehen. 

Diese Zusammenhänge zeigen sich angesichts der Fülle des Materials bereits so deutlich, dass man bei genauerem Hinsehen sicher schon sehr bald schlauer wäre. Wenn - wie kürzlich aus der sächsischen Stadt Döbeln - signalisiert wird, dass es rund um einen Sendeturm zu einer Häufung bösartiger Tumore kommt, dürfte das nicht unbeachtet bleiben. 

Sicherlich ist dies nicht der einzige Ort. Hier werden seitens der Politik unter dem Druck der Betreiber viele Informationen nicht weitergegeben. Man steckt den Kopf in den Sand. Offenbar bedarf es erst einer mittleren gesundheitlichen Katastrophe, ehe der Staat seine Vorsorgepflicht wahrnimmt und die Risiken auf gesetzlichem Wege minimiert. Bislang haben die Gewinninteressen der Industrie jedoch Vorrang. 

 

BIO

Mobile Kommunikation scheint nun mal ebenso wie Mobilität eine Grundbedingung für ökonomische Wettbewerbsfähigkeit geworden zu sein ... 

Dr. von Klitzing: 

Ich bin kein Feind mobiler Kommunikation, aber ihr gesundheitliches Risiko muss entschieden heruntergefahren werden. Wenn man die Kostenexplosion im Gesundheitswesen mit einbezieht, ist eine bessere Vorsorge sehr wohl von großem ökonomischem Nutzen. 

 

BIO

Die Möglichkeit, jederzeit andere mit Informationen zu erreichen und selbst erreichbar zu sein, ist aber auch eine Frage der Lebensqualität. 

Dr. von Klitzing: 

Gewiss, vor allem unter dem Aspekt der Bequemlichkeit. Von den meisten technischen Entwicklungen lassen sich angenehme Nutzungsmöglichkeiten ableiten. Fakt ist auch, dass beispielsweise bei einem Unfall auf der Autobahn ein unverzüglicher Nothilferuf per Handy Leben retten kann. 

Doch dafür reicht die eigentlich vorgesehene Outdoor-Versorgung aus und damit eine viel schwächere Sendeleistung, als wir sie gegenwärtig über uns ergehen lassen müssen! 

 

BIO

Wenn der Trend schon nicht aufzuhalten ist, könnte dann die Technik selbst nicht stärker dazu beitragen, durch entsprechende Entwicklungen die Risiken zu minimieren? 

Dr. von Klitzing: 

Durchaus. Ein Beispiel dafür sind die Möglichkeiten des modernen DECT-Standards bei schnurlosen Telefonen.  DECT hat im Unterschied zu den älteren, analogen Schnurlosen vom Typ CT1plus oder CT2 neben einigen Vorzügen den entscheidenden Nachteil, dass die Basisstation des Anschlusses Tag und Nacht sendet - unabhängig davon, ob telefoniert wird oder nicht. 

Im Umkreis der Empfangsmöglichkeit sind darum alle Lebewesen - ob in der eigenen Wohnung oder beim Nachbarn nebenan - fortlaufend einem mit 100 Hertz gepulsten Hochfrequenzfeld ausgesetzt. 

Wer sich hier aufhält, hat noch nicht einmal während des Nachtschlafs die Möglichkeit, sich von diesem Stress zu erholen. Es sei denn, er zieht den Netzstecker der Station und legt damit seinen Anschluss für diese Zeit still.

Baubiologen gegenüber wurde von Herstellern bereitwillig zugegeben, dass moderne DECT-Telefone ohne Weiteres so gebaut werden könnten, dass sie nur funken, wenn dies wirklich benötigt wird - nämlich während des Telefonierens. Der Verbraucher indes fordere dies ja nicht. 

 

BIO

In der Regel weiß der nichts darüber. Aber zum großen Teil gibt es auch einfach zu wenig Interesse, sich sachkundig zu machen ... 

Dr. von Klitzing: 

Dabei ist gerade über den Druck der Verbraucher sicher einiges zu erreichen. Selbst ein so entscheidend notwendiger Schritt wie der generelle Abschied von der Pulsung elektromagnetischer Signale ließe sich bei entsprechender Aufklärung über den Markt und die Öffentlichkeit voranbringen. Denn schon seit längerem gilt moderner Mobilfunk auch ohne Pulsung als realisierbar. 

 

> Warum gepulste Signale besonders problematisch sind

BIO

Sind gepulste Signale biologisch bedenklicher als ungepulste? 

Dr. von Klitzing: 

Viel bedenklicher - und dies bei allen Frequenzen. Also bereits bei den 50 Hertz unserer üblichen Energieversorgung, die 50 periodischen Feldänderungen in der Sekunde entsprechen. Die D- und E-Mobilfunknetze setzen uns nun zusätzlich einer Periodizität von 217 Hertz aus. Und gerade die strenge Regelmäßigkeit ist es, auf die biologische Systeme reagieren. Denn unser Organismus ist auf flexible Reaktionen programmiert. Das Herz muss unregelmäßig schlagen, der Blutdruck ständig schwanken. Jedes starre System könnte nichts mehr regulieren. 

Wenn sich diesen flexiblen Regelkreisen sich nun von außen starr periodische technische Felder aufdrücken, ist es nur eine Frage der Zeit und der individuellen Kondition, ob und wann wir dadurch krank werden. 

 

BIO

Bedeuten die ungepulsten UMTS-Frequenzen in dieser Hinsicht einen Fortschritt?

Dr. von Klitzing: 

Nur zum Teil. Erstens verzichtet lediglich eine Variante von UMTS auf die Pulsung. Eine zweite, die gleichzeitig eingeführt wird, ist nach wie vor gepulst. Zweitens verschwindet mit dem Einzug der neuen Frequenzen das bisherige GSM-System nicht. Es existiert für längere Zeit parallel zu UMTS und wird außerdem sogar mit diesem Netz gekoppelt werden. 

Es wäre also demagogisch, mit der Aussicht auf die eine ungepulste Variante Hoffnungen zu wecken und die Gesamtproblematik der Mobilfunkeinwirkungen in günstigerem Licht erscheinen zu lassen. 

 

> Welche Schutzmaßnahmen gibt es?

BIO

Können wir als Nutzer selbst etwas tun, um uns vor den Auswirkungen des Elektrosmogs zu schützen? 

Dr. von Klitzing: 

Ich empfehle den Grundsatz: reduzieren, minimieren, wo immer dies möglich ist. Und: Nutzung dieser modernen Technik nur dann, wenn es unbedingt erforderlich ist. Die Alternative, sich des guten alten Festnetzes zu bedienen, sollte man nicht so schnell vergessen, auch wenn sich das Handy uns als so bequeme Lösung anbietet. 

Wer von uns muss oder will denn tatsächlich ständig erreichbar sein, deshalb sein Mobiltelefon immerzu angeschaltet haben und es zudem noch am Körper tragen? 

Was hindert uns daran, uns bei einem Anruf ein paar Meter zu bewegen, anstatt zum Preis von Elektrostress überall in der Wohnung einen schnurlosen Hörer griffbereit zu haben? Und wenn es schon ein Schnurloses sein soll, dann aber nur eines, das uns - wie schon gesagt - auch Erholungspausen gönnt! 

Nicht zuletzt sollten wir vor allem unsere Kinder schützen, denn sie sind besonders gefährdet, da sie in einem biologischen Reifeprozess stehen und ihr Immunsystem noch nicht ausgelernt hat. 

 

BIO

Gegen die Felder von Sendeanlagen und auch die der normalen Elektroinstallation im Wohnbereich können wir mit diesem Verhalten jedoch wenig ausrichten. Gibt es effektive Methoden der Abschirmung? 

Dr. von Klitzing: 

Im Hinblick auf die häusliche Elektroinstallation ist das heutzutage kein Problem mehr. Entsprechende Leitungen einschließlich Steckdosen sind mittlerweile Standard-Angebote. Die Kabel hat man verdrillt, um die magnetische Komponente zu verringern, und gegen die elektrische Komponente abgeschirmt. 

Eine solche Ausrüstung ist auch bezahlbar. Beim Neubau eines Eigenheims zum Beispiel muss man mit einer Kostenerhöhung von maximal drei Prozent rechnen plus einen Fünfhunderter (Euro) für Messung und Beratung. Wer alles selbst machen möchte, kann sich leicht Probleme einhandeln - auch bei der Installation eines Netzfreischalters. 

Ähnlich liegen die Dinge bei Versuchen, die Wohnung gegen die Felder der Mobilfunkantennen abzuschirmen. Mit Alu-Tapeten beispielsweise können Sie leicht Reflexionen, also eine Verstärkung bekommen. Absorbierender Putz ist da schon besser. Wenn möglich, sollte stets ein Fachmann zu Rate gezogen werden.

 

BIO

Sie scheinen einer der einsamen „Rufer in der Wüste“ zu sein. Haben Sie für Ihre Position genügend Verbündete?  

Dr. von Klitzing: 

An universitären Einrichtungen kaum. Die wenigen, die in die gleiche „kritische Kerbe“ hauen, können Sie leicht an einer Hand abzählen. Es ist auch schwer, in der etablierten Wissenschaft mit einer als fortschrittsfeindlich verketzerten Ansicht einen Fuß auf die Erde zu bekommen. 

In der Gesellschaft insgesamt stehen wir jedoch durchaus nicht allein, wovon auch die Vielzahl der Bürgerinitiativen gegen die Errichtung von Mobilfunkantennen zeugt. Das müssen nicht immer Aufsehen erregende Bewegungen sein. Wenn sich zum Beispiel Eltern einer Kindertagesstätte zusammenschließen und einen nicht weit genug entfernten Antennenbau nicht zulassen wollen, dann ist dies respektabel genug und oft nicht erfolglos. Das gilt nicht weniger für besorgte Mieter, die vor Gericht ziehen. 

Es gibt da übrigens sehr vernünftige Urteile. Denn es ist ja einfach Tatsache, dass man unter dem Aspekt der Funktionstüchtigkeit die Sendestationen gar nicht in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten errichten muss. Die von Betreibern vorgebrachten technischen Probleme sind in den meisten Fällen nicht nachvollziehbar. Es geht eigentlich immer nur um eine kostengünstige Einbindung in die vorhandene Infrastruktur. Man muss das aufdecken, dann lässt sich durchaus etwas erreichen.

Insofern bin ich gar nicht pessimistisch, wenn dies auch zuweilen so aussehen mag. 

 

BIO

Herr Dr. von Klitzing, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

 

Buchtipp: 

Silvio Hellemann: 
Ständig unter Strom – Handbuch für Elektrosensible“,

Verlag interna aktuell, € 20,90.

                                                                        Buchbesprechung hier >>

 

Quelle:

Dieser Bericht entstammt der Zeitschrift 
"BIO - Gesundheit für Körper, Geist und Seele", Ausgabe 3/2002.

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