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Mobilfunkkritische Wissenschaftler werden unter Druck gesetzt |
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Strahlen,
Tauben und Tumore Wissenschaftler
wiesen die Schädlichkeit von Mobilfunk nach. Dann wurdensie unter Druck
gesetzt. Von
Antje Bultmann Mobilfunk - das bedeutet vor allem Massenmarkt. Die Frage, welche gesundheitlichen Schäden er verursacht, ist deshalb vor allem bei den Anbietern mehr als unbeliebt. Das bekamen in jüngster Zeit auch Wissenschaftler zu spüren, die - oft zufällig - bei ihren Forschungen zu Ergebnissen kamen, die den Mobilfunk-Interessenten nicht ins Konzept passen. Zum
Beispiel der Naturwissenschaftler Lebrecht von Klitzing. Als Leiter
der Klinisch- Experimentellen Forschungseinrichtung der Universität Lübeck
stellte er bei Untersuchungen für eine Studie bereits 1992 fest, dass
gepulste Mikrowellen auch bei geringen Leistungen das
Elektroenzephalogramm des Menschen verändern. "Es
könnte sein, dass die intrazelluläre Kommunikation gestört wird. Die
wissenschaftliche Erklärung ist schwierig", kommentierte Klitzing
damals vorsichtig. Dann untersuchte er als erster Wissenschaftler den
Einfluss elektromagnetischer Felder auf das menschliche Gehirn. Seine
Forschungsergebnisse gefielen nicht nur den Mobilfunkbefürwortern nicht,
sondern auch Kollegen an der Universität. Mehr und mehr fühlte sich
Klitzing gemobbt. Unter anderem wollte der Dekan, dass Klitzing eine
Einladung verschiedener Ausschüsse des Bundestages ausschlägt. Dort
sollte er einen Vortrag über seine Forschung halten. Nur weil
Nichtregierungsorganisationen protestierten, konnte er den Termin
wahrnehmen. Jüngst
sah er sich veranlasst, in Rente zu gehen. Seine Studienergebnisse seien
nicht reproduzierbar, heißt es. Man wisse nicht, ob die Versuchspersonen
bei der "Bestrahlung" geschlafen oder an Mozart gedacht hätten.
Klitzing bot an, den Versuchen beizuwohnen. Dafür hat sich keiner
interessiert. Inzwischen
gibt es zahlreiche Studien – auch von der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin - die zeigen, dass
Mobilfunkwellen auf Gehirn und Nervensystem einwirken. Relevant
sind auch die Studien von Professor Peter Semm vom Zoologischen
Institut der Universität Frankfurt. Dem Neurobiologen erging es nicht
besser als Klitzing. Nachdem
er auf einem Kongress der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über den
Einfluss elektromagnetischer Felder auf Vögel berichtet hatte, meldete
sich die Telekom bei ihm und bot ihm an, für sie zu forschen. Da sein
Heisenberg-Stipendium auslief, nahm Semm das Angebot 1994 an. Er
bestrahlte Tauben mit gepulsten Mobilfunk-Frequenzen und untersuchte die
Melatonin-Produktion. Anhand halbstündlicher Blutproben konnte er
nachweisen, dass die nächtliche Produktion des Hormons unterdrückt
wurde. "Es kam zu einem deutlich messbaren Einfluss", so Semm.
Er
bestrahlte außerdem Zebrafinken mit einer Leistungsflussdichte weit
unterhalb des Grenzwertes für Handys. Normalerweise ändern Zellen von
Zebrafinken, die Licht, Farben oder Bewegung wahrnehmen, die Frequenz
ihrer Nervenimpulse um bis zu zehn Prozent. Dagegen reagierten die
Nervenzellen der Zebrafinken völlig unerwartet mit einer Abweichung um 60
Prozent. Bei
den Versuchen waren etwa ein Dutzend Mal fünf Mitarbeiter der Telekom
anwesend. "Die haben das alles verfolgt", berichtet Semm,
"von der Präparation des Tieres bis zum Ergebnis. Irgendwann haben
sie gesagt: ›gut‹. Die Ergebnisse waren deutlich und reproduzierbar.
Der
Streit ging los, als ein Herr Kühn von der Forschungsgemeinschaft Funk
sagte: ›Die Ergebnisse sind okay. Aber die Studie publizieren, das möchten
wir nicht.‹ Kühn berief sich dabei auf meinen Arbeitsvertrag."
Semm wehrte sich. "Danach erhielt ich Abmahnungen und bald darauf die
Kündigung und Hausverbot bei der Forschungsgemeinschaft Funk." Melatonin
ist ein Hormon, das Wachstum bestimmter Tumore hemmt. Seine Reduktion kann
das Risiko von Brust-, Gebärmutter und Prostatatumoren fördern. Es hat
außerdem Einfluss auf den Schlaf. Eine Veränderung des
Melatonin-Haushalts kann Depressionen zur Folge haben, es wirkt auf den
Blutdruck oder das Immunsystem. Studien, die zeigen, dass die
Melatoninproduktion gehemmt wird, sind deshalb brisant. Auch
in Frankreich und Spanien hat man verhindert, dass Wissenschaftler weiter
zum Thema forschen. Professor Roger Santini von der Universität
Villeurbanne in Frankreich wurden im Herbst 2001 die Forschungsmittel
gestrichen. Er hatte Untersuchungen in der Nähe von Mobilfunksendern
durchgeführt und erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigungen bei 530
Anwohnern dokumentiert. Der
Direktor teilte ihm mit, dass seine Arbeit über Mobiltelefone und
Mobilfunk-Basisstationen "nicht Thema seines Labors" sei. Er
verbot ihm, seine Ergebnisse publik zu machen. Santini erforscht seit 22
Jahren den Bio-Elektromagnetismus. Aktuell
ist auch der Fall des spanischen Arztes und Chemikers Claudio Gomez
Peretta. Er musste vor kurzem auf Druck der Mobilfunklobby seine
Untersuchungen über schädliche Auswirkungen elektromagnetischer Wellen
einstellen. Ansonsten - hieß es - habe er mit Sanktionen zu rechnen. Die
Begründung: Peretta, Leiter der Suchtabteilung, sei "nicht offiziell
ermächtigt", diese Forschung durchzuführen. In der Region Valencia führt jetzt nur noch eine Firma Messungen durch, die von dem Elektrounternehmen Iberdrola finanzielle Zuwendungen erhält. Und gerade hier tauchten in jüngster Zeit überdurchschnittlich viele Fälle von Leukämie unter Kindern auf.
Seine
Bilanz: Handybesitzer sterben häufiger an Gehirntumoren als Menschen, die
nicht mit Mobilfunk telefonieren. Die 27 Millionen Dollar teure Studie
durfte nicht veröffentlicht werden. Carlo wandte sich aber an die Öffentlichkeit
und begann Krankheitsgeschichten - von Handybenutzern, Anwohnern von
Sendern - in einer Datenbank zu speichern. Ein Versuch der
Mobilfunkbetreiber, dies per Gericht zu stoppen, scheiterte. Publik-Forum 14/2002 |
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