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 Keine Gesundheitsgefährdung durch die untersuchten Felder.
 

Salzburger Nachrichten vom 18. November 2000

Wer ist elektrosensibel?

Elektrosmog ist ein beliebtes Schlagwort, um unbeliebte Handymasten zum Beispiel zum Nachbarn zu verschieben. Seriöse Forschung hat nun festgestellt: Elektrosensibel zu sein hängt nicht mit der Wahrnehmung elektrischer oder magnetischer Felder zusammen.

  • Die Wissenschafter schließen: Keine Gesundheitsgefährdung durch die untersuchten Felder.

Lange schon steht die Frage im Raum, ob Handys nun schädlich sind oder nicht. Gewisse Menschen, die sich für elektrosensibel halten, werden die Frage mit Ja beantworten. Denn sie denken, dass sie elektromagnetische Strahlen wahrnehmen können. Welche Wirkungen der Elektrosmog nun wirklich hat, wollten jetzt Schweizer Wissenschafter erfahren.

Der Begriff Elektrosensibilität beschreibt Störungen des Befindens, die auf den so genannten Elektrosmog zurückgeführt werden. Elektrosmog entsteht beispielsweise durch die Abstrahlung von elektrischen und magnetischen Feldern, wie sie beim Gebrauch von Haushaltsgeräten erzeugt werden. In den letzten Jahren klagten mehr und mehr Menschen über Störungen, die sie auf solche Einflüsse zurückführen.

Ein Zusammenhang zwischen den Beschwerden und elektrischen und magnetischen Feldern konnte aber bis heute nicht nachgewiesen werden. In einem vierjährigen Forschungsprojekt namens NEMESIS (Niederfrequente elektrische und magnetische Felder und Elektrosensibilität in der Schweiz) haben Wissenschafter am Institut für Hygiene und Arbeitsphysiologie der ETH Zürich die Wirkung elektrischer und magnetischer Felder auf den Menschen untersucht.

In zwei doppelblind ausgelegten Studien wurde nach Reaktionen auf zufällig ein- und ausgeschaltete elektrische und magnetische Felder gesucht. Dabei waren unter den Testpersonen auch 54 Personen zwischen 17 und 76 Jahren, die sich selber als elektrosensibel bezeichnen. Die erste Studie dauerte pro Proband 20 bis 25 Nächte. Die Untersuchung wurde in den Wohnungen der Versuchspersonen durchgeführt, um keine Reaktionen durch eine ungewohnte Umgebung hervorzurufen.

Während des Experiments wurden Veränderungen der Schlafqualität, der Schlaftiefe, des Befindens am Morgen und am folgenden Tag sowie physiologische Größen wie Bewegung, Atmung, Herzschlag und Ausweichverhalten erfasst. In der zweiten Studie wurde die Fähigkeit der direkten Wahrnehmung elektrischer oder magnetischer Felder in einem Labor des Instituts untersucht.

Die Schlaftiefe und das Befinden nach dem Aufwachen wurden bei den Probanden durch die nächtliche Einwirkung der Felder beeinflusst. Bei allen Personen unterschieden sich die Nächte mit Feld von Nächten ohne Feld. Zwar veränderte das Feld die Schlafqualität, das Befinden am Tag und die Anzahl der Bewegungen im Bett nicht nachweisbar. Dennoch ließ die Auswertung einzelner Herzparameter Veränderungen unter Feldeinfluss erkennen.

Einige Versuchspersonen wichen der Stelle mit der größten Magnetfeldbelastung aus. Diese unbewusste Verhaltensanpassung wurde bei mehreren Probanden beobachtet, so dass es nicht allein durch zufällige Bewegungen im Bett zu erklären ist. Interessanterweise fühlten sich die Personen am Morgen nach einer Feldexposition oft besser und wacher.

In der Laborstudie wurde die Hypothese bestätigt, dass die untersuchten Felder direkt wahrgenommen werden können. Es zeigte sich aber kein Unterschied zwischen der Gruppe der subjektiv Elektrosensiblen und einer nichtsensiblen Kontrollgruppe. In beiden Gruppen waren im Verhältnis gleich viele Personen mit vielen guten Treffern vertreten. Die Überzeugung, elektrosensibel zu sein, hängt nicht mit der Fähigkeit einer Wahrnehmung elektrischer oder magnetischer Felder zusammen.

Die kombinierte Auswertung aller Untersuchungen des Projekts zeigt, dass es vereinzelt Menschen gibt, die auf schwache elektrische oder magnetische Felder direkt oder indirekt reagieren, indem sich bei ihnen physische und psychische Veränderungen bemerkbar machen. Die Eigenschaft der Wahrnehmung elektrischer oder magnetischer Felder ist je nach der momentanen "Empfänglichkeit" der Person unterschiedlich gut ausgeprägt. Sie wird von vielen körperlichen, physikalischen, psychischen und sozialen Faktoren mitbestimmt. Elektrosensibilität, bei der Betroffene eine Anzahl Krankheitszeichen unklarer Ursache beklagen und die Wahrnehmung der Felder sind zwei voneinander unabhängige Erscheinungen.

Nach den Ergebnissen ihrer Studie schließen die Wissenschafter nicht auf eine Gesundheitsgefährdung durch die untersuchten Felder. Es zeigte sich außerdem, wie auch schon bei einer schwedischen Studie, dass Betroffene lernen können, mit der Elektrosensibilität zu leben. In einigen dokumentierten Fällen verschwand die Elektrosensibilität sogar von selbst. Also kein Grund, auf das Handy zu verzichten?

Quelle:

http://www.salzburg.com/sn/00/11/18/wissenschaft-14543.html

 

Kommentar:

Typisch ist wieder, wie falsch das Thema journalistisch aufbereitet wird:

Nur um einen aktuellen und reisserischen Aufhaenger zu haben, steht in den Eingangsfragen:

  • "Elektrosmog ist ein beliebtes Schlagwort",
  • "..ob Handys nun schädlich sind oder nicht" und 
  • "unbeliebte Handymasten".

Dazu noch die tendenziösen Formulierungen:

  • Gewisse Menschen, *die sich für elektrosensibel halten*,
  • Denn *sie denken*, dass sie elektromagnetische Strahlen wahrnehmen können.

Schaut man sich das Experiment genau an, hat es aber mit diesen eingangs gestellten Fragen gar nichts zu tun:

  • "Forschungsprojekt namens NEMESIS (Niederfrequente elektrische und magnetische Felder und Elektrosensibilität in der Schweiz)"

Untersucht wurde ausschliesslich die Reaktion auf *niederfrequente* Felder, also normalen Strom!

Ergebnisse:

1.  Bei allen Personen unterschieden sich die Nächte mit Feld von Nächten ohne Feld.

2.  In der Laborstudie wurde die Hypothese bestätigt, dass die untersuchten Felder direkt wahrgenommen werden können.

3.  Elektrosensibilität, bei der Betroffene eine Anzahl Krankheitszeichen unklarer Ursache beklagen und die Wahrnehmung der Felder sind zwei voneinander unabhängige Erscheinungen.

So weit die Fakten.

Dann die Aussage:

"Nach den Ergebnissen ihrer Studie schließen die Wissenschafter nicht auf eine Gesundheitsgefährdung durch die untersuchten Felder."

Wieso kann man das aus diesen Ergebnissen schliessen?? Dazu wurden doch gar keine Untersuchungen gemacht! Oder wollten das die Auftraggeber gerne lesen?

Dann schlägt der Journalist wieder zu mit dem Schlusssatz:

  • "Also kein Grund, auf das Handy zu verzichten?"

Damit ist er wieder ganz neben der Spur, aber es liest sich natürlich gut. Im Experiment ging es weder um Handys noch um die hochfrequente Strahlung von Mobilfunksendern. Welchen Leser interessieren aber schon niederfrequente Felder, die in Wirklichkeit untersucht wurden? Na ja, wenigstens ein Fragezeichen hinter dem Satz hat er sich abgerungen.

Hier ist die Kurzfassung der Doktorarbeit nachzulesen:

http://e-collection.ethbib.ethz.ch/ecol-pool/diss/abstracts/p13903.pdf

Interessant ist, dass in der Doktorarbeit die Schlussfolgerung gar nicht zu finden ist, die der Journalist in den Vordergrund stellt:

"..schließen die Wissenschafter nicht auf eine Gesundheitsgefährdung.." ist *nicht* das Ergebnis der Untersuchung, sondern offensichtlich eine Formulierung des Journalisten!

 

Der Autor Christopher H. Mueller hat einem Projekt mitgearbeitet:

http://www.emf-info.ch/

Die Forschungskooperation Nachhaltiger Mobilfunk präsentiert die Informationsplattform zum Thema Elektromagnetische Felder (EMF).

Finanziert wird die Plattform von einem Schweizer Mobilfunkunternehmen:

http://www.sunrise.net/de/company.htm

Uebrigens: Der Korreferent bei der Abnahme der Doktorarbeit war Prof. Dr. Norbert Leitgeb, zu dem auch viel zu sagen wäre.

Soweit zur Unabhängigkeit der Forschung und der Presse.

 

Das Buch zur Studie:

Dissertation ETH Nr. 13903:

Projekt NEMESIS: 
Niederfrequente elektrische und magnetische Felder und Elektrosensibilität in der Schweiz

Christopher H. Müller

November 2000

(247 Seiten, 59 Abbildungen und 31 Tabellen)

Ein Download der ganzen Untersuchung ist hier moeglich:

http://www.iha.bepr.ethz.ch/pages/leute/mueller/mueller.htm
Download: DISS_ETH_13903_CHMUE.zip (pdf, 2.8 MB)

 

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