Mobilfunktagebuch: Ein Jahr in der Strahlungskeule

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Strahlungskeule

Einleitung

Als eine Mobilfunksendeanlage nur 70 Meter neben ihrem Wohnhaus in Betrieb geht, findet sich die Autorin mit ihrer Familie von einer Minute zur anderen im Fokus der Strahlungskeule wieder.

Dies ist der Bericht von Dr. Irmtraut Eder-Stein über ein Jahr Bestrahlung durch eine Mobilfunksendeanlage in unmittelbarer Nähe zu ihrer Wohnung.

Tag für Tag beschreibt sie detailliert die Reaktionen und Symptome aller Familienmitglieder in diesem Zeitraum. Sie zeichnet ein genaues Bild der Auswirkungen auf die Lebenssituation der ganzen Familie.

Die Messwerte der Strahlung in ihrem Haus sind natürlich weit unter den gesetzlichen Grenzwerten, gehören aber zu den höchsten Werten, die bisher in deutschen Wohnungen gemessen wurden. Mehrere Familienmitglieder brechen gesundheitlich zusammen, eine regelrechte Flucht aus diesem Haus wird notwendig.

Um den Lebensraum zu retten, leitet die Familie umfangreiche Abschirm- maßnahmen ein. Eine zeitweilige Entlastung tritt zwar zunächst ein, doch längerfristig bleibt das Haus gesundheitlich unerträglich.

Ein Urlaub in feldarmer Umgebung bringt etwas Erholung, doch nach der Rückkehr verläßt die Familie schließlich nach einem erneuten gesundheitlichen Zusammenbruch ihr Eigenheim.

Der Verlust ihres Hauses trifft die Autorin besonders hart, da es ganz auf ihre Bedürfnisse als MCS-Patientin (MCS = Multiple Chemikalien-Sensibilität) eingerichtet worden war und für sie einen lebensnotwendigen Schonraum darstellte.

Die Familie mietet schliesslich eine kleine Wohnung, die überdurchschnittlich feldarm ist. Wenn der Mobilfunk sie dort nicht auch wieder einholt, wird sie darin wohnen bleiben können …

Vorgeschichte zum Mobilfunktagebuch (verfaßt im Juni 2003)

Ich weiß seit Ende des Jahres 1987, daß mit mir körperlich etwas ganz und gar nicht stimmte.

Nach der Rückkehr aus dem Erziehungsurlaub brach ich innerhalb weniger Wochen nach erneutem Dienstantritt völlig zusammen. Zunächst wurde als Diagnose eine Autoimmunerkrankung festgestellt, mit sehr schlechter Überlebensprognose.

Es folgte eine mehrmonatiger Krankenhausaufenthalt mit immunsuppressiver Therapie, eine Kur und eine Zahnbehandlung auf Rat der behandelnden Ärzte. Ich sollte mir die Amalgamplomben und Goldkronen entfernen lassen, dann ginge es mir vielleicht bald besser. Mehrere verschiedene Metalle im Mund seien ungesund und schlecht fürs Immunsystem.

Das Krankenhaus empfahl mir sogar einen Zahnarzt, der auch Rat wußte. Er habe ein hervorragendes Material, besser als Gold, so was ähnliches wie Platin, also was ganz Edles.

Ich ließ die Behandlung durchführen und hoffte, daß es mir bald besser gehen würde.

Außerdem hatte ich in dieser halbjährigen Auszeit beschlossen, wenn ich schon keine große Lebenserwartung mehr hätte, wolle ich das tun, was ich eigentlich am liebsten tat: in meinem Beruf arbeiten.

Mein Mann und ich besprachen auch ganz offen, daß es für unsere damals noch ganz kleinen drei Kinder besser sei, wenn wir uns wie vor der Erkrankung weiter die Kinderbetreuung teilten. Wenn ich irgendwann sterben würde, wäre der Bruch dann nicht ganz so stark, meinten wir.

So kehrte ich an den Arbeitsplatz zurück und es ergab sich Erstaunliches: Innerhalb weniger Tage entwickelte ich so massive, teils richtig bedrohliche Symptome am Arbeitsplatz, daß ich das Dienstgebäude nach ärztlicher Anweisung nicht mehr betreten konnte und durfte.

Damit sah ich positiv gesehen wieder eine Perspektive für mich.

Wenn meine Krankheit eine äußere Ursache hatte, bestand ja eine deutlich größere Chance, noch ein paar Jahre länger zu leben.

Gleichzeitig war aber guter Rat teuer: Wo lag denn diese Ursache, welche Krankheit hatte ich? Es dauerte fast 2 Jahre, bis ich verstand, daß ich an MCS (Anm.: MCS = Multiple Chemikalien-Sensibilität) litt, ein Wort, das damals noch völlig unbekannt war.

In einem Arztbericht stand „zentrale Irritationsstörung“, in einem anderen „polyvalente Allergie“, in einem dritten „pseudoallergisches Syndrom“.

Lange vor dem Etikett kamen aber die Symptome, die auch nach den Ausscheiden aus dem Beruf ständig stärker wurden. Sie wurden stärker, es kamen neue dazu. Ich stellte Einzelursachen ab und sah mich mit dem nächsten Problem konfrontiert.

Da ich ja nach der grundlegenden Zahnbehandlung davon ausgehen konnte, daß ich körperlich alles getan hatte, was möglich war bei ohnehin biologisch einwandfreier Ernährung und dem Rundumversuch, gesund zu leben, bauten wir bis Ende 1990 unser Haus für meine Bedürfnisse um.

Wir trennten uns von allen Einrichtungsgegenständen, die aus der Sicht der Umweltberater oder meiner persönlichen Empfindungen evtl. schaden könnten.

Wir sorgten bei dem Umbau au

ch für eine Sanierung im Elektrosmogbereich, z. B. durch Einbau von Netzfreischaltern. Dies nicht, weil ich elektrosensibel gewesen wäre, sondern auf Rat der Fachleute, und weil ich bei meinem Jüngsten, knapp drei Jahre alt, feststellen mußte, daß er offenbar Strom spürte und als sehr unangenehm empfand. Er weigerte sich, in der Spielecke unter der Treppe zu spielen, da bekäme er schlimmes „Kopfaua“. Diese Spielecke lag nahe beim Sicherungskasten. . .

Jedenfalls waren wir 1991 mit dem Umbau soweit fertig, daß ich und die zwei meiner drei Kinder, die die MCS-Veranlagung geerbt haben, zu Hause unbelastet leben konnten.

Es gelang mir, die beiden optisch gesund und mit nur geringen MCS-Ausfallerscheinungen bis ins Jahr 2000 zu bringen.

Mir selber ging es hingegen trotz aller Bemühungen immer schlechter. Ende 1994 fürchtete ich, dem Rollstuhl nahe zu sein, ich lag fast nur noch im Bett und tagsüber auf dem Sofa, war völlig kraftlos und baute immer mehr ab.

Die Wende kam durch die Vorbereitungen zu dem MCS-Ratgeberbuch*, das ich seit 1995 mit Beate Schiele zusammen vorbereitete.

Es ergab sich, daß sehr viele Betroffene Hilfe brauchten und keine Ahnung hatten, wo sie sie finden konnten. Lange bevor wir ans Niederschreiben gingen, fanden wir uns als Telefonseelsorgerinnen in Sachen MCS wieder.

Aber diese Gespräche waren nicht einseitig, wir erhielten auch unsererseits so manchen Hinweis, der nützlich wurde. Für mich der wesentliche Faktor wurde, daß ich im Laufe dieser Gespräche endlich verstand, was für ein tolles Zahnmaterial ich hatte: Palladium in einer besonders üblen Legierung.

Ich fand einen Zahnarzt, der eine Entgiftungstherapie entwickelt hatte, die mich so sehr stärkte, daß ich wußte, endlich auf dem richtigen Weg zu sein. Es fand sich auch ein verträgliches Keramikmaterial. Ich gewann wieder Kraft und Lebensfreude zurück und war sogar kräftemäßig in der Lage, mit der Familie einige Jahre im Ausland zu leben.

1997 verließen wir im Sommer unser baubiologisch einwandfreies Haus. Wir vermieteten es nicht, damit keine MCS-schädlichen Substanzen eingebracht werden konnten, sondern benutzten es nur hin und wieder als Ferienwohnung.

Diese ganzen Jahre war dieses Haus für mich ein Ort, an dem ich regenerieren konnte.

Insofern hatte ich keine Bedenken, daß es mir irgendwie schlecht gehen könnte, wenn wir nach Deutschland zurückkämen, ich freute mich sogar darauf unter MCS-Gesichtspunkten.

Im August 2000 kehrten wir in unser Haus zurück.

In den ersten Wochen passierte nichts Auffälliges, dann hatten wir erhebliche Probleme mit unserem jüngsten Sohn, der große Schwierigkeiten in der Schule bekam, an Schlaflosigkeit litt, krank wirkte und sich auch psychisch veränderte im Sinne einer depressiven Verstimmung. Es wurde besser in den Ferien, so daß wir einen Zusammenhang mit seiner neuen Schule annehmen mußten.

Wir suchten fast ein Dreivierteljahr, welcher Schadstoff das Kind behelligte. Dann endlich fand sich bei einer Umfrage im Internet der richtige Hinweis: Ob auf der Schule evtl. ein Mobilfunkmast stünde, fragte mich jemand.

Das war des Rätsels Lösung. Die Schule und ihre nähere Umgebung war damals noch mobilfunkfrei, aber um unser Haus, meinem einzigen Überlebensschonraum, waren inzwischen drei Mobilfunkbasisstationen in Betrieb gegangen.

Am schlimmsten war damals T-Mobile, in 200 m Entfernung auf der ev. Kirche und direkt ins Kinderzimmer strahlend, E-Plus war 700 m entfernt, strahlte aber ebenfalls direkt ins Kinderzimmer und von der Rückseite schließlich strahlte noch VIAG-Interkom (O2) aus ca. 300 m Entfernung.

Warum es in den Ferien besser war? Ganz einfach, der Junge hatte einen gesunden Instinkt, daß sein Zimmer nicht gut für ihn war und verbrachte die Ferien mit Besuchen bei Freunden und Verwandten.

Wir suchten uns einen Rechtsanwalt, der versuchte, uns die lästigen Strahlungsquellen vom Leibe zu schaffen, anfangs mit einigem Erfolg. Wir versuchten auch ein bißchen abzuschirmen, mit Kaninchendraht, Produkten wie dem Raymaster usw., alles noch nicht richtig konsequent und durchdacht, es fehlten uns einfach die Kenntnisse. Andererseits hatten wir MCS-Kenntnisse und zögerten so mit jedem Versuch, etwas am Haus zu ändern, weil uns die Folgen unklar waren.

Die Katastrophe kam erst: In 70 m von unserem Haus entfernt, wieder mit direktem Sichtkontakt zum Kinderzimmer, erbaute im Frühjahr 2001 Vodafone eine Großanlage auf einem Altenpflegeheim der Blindenhilfe Rheinland-Pfalz.

Unserem Anwalt gelang es, eine Inbetriebnahme zu verhindern, die für Ende Juli 2001 vorgesehen war. Er hoffte auch sehr darauf, daß diese überdimensionierte Anlage nicht genehmigungsfähig sein würde, weil in einem reinen Wohngebiet solche Anlagen nicht genehmigbar wären.

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